Im Bann der Wüste

Von C.C. Willinger

Als ich diese Zeilen niederschrieb, hatte es vor den altehrwürdigen Mauern des Widums fünfzehn Grad unter Null, und Schnee bedeckte das Land. Sechs Monate Winter sind ein hartes Los, und ich suchte deshalb in gar manchem Jahr für ein, zwei Wochen Trost in milderen Gefilden.

Zur letzten Woche im November, wenn in den Gärten von Südwest die Flammenbäume blühen, prachtvoll, leuchtend, rot, wenn die ersten Regenwolken am Himmel stehen, die Tage glühend heiß sind und die Nächte lau, wenn bei den Antipoden der Sommer naht, zu dieser späten Zeit im Jahr entfloh ich also der Eiseskälte des alpinen Winters, um wieder in der Wüste zu jagen, auf Rooi Kuiseb, am Rande der Namib. Einen Spießbock wollte ich, und einen Springbock. Ehrlich erjagt. Mehr nicht.

Oryx gazella gazella (fem.)

Von Schönfeld, wo ich die erste Nacht verbrachte, fuhren Hartwig und ich mit zwei vollbepackten Land-Cruisern samt Hänger nach Süden, um die sogenannte Anschlußpad an jener Stelle, wo sie den Tsaobis kreuzt, nach Westen zu verlassen. Zwei Stunden mühten wir uns alsdann über Feldwege am Potberg vorbei zu den entlegenen Granitgebirgen der Roten Schlucht, nichts anderes nämlich bedeutet Rooi Kuiseb. Dort hatte ich schon dreieinhalb Jahre zuvor gejagt, und wir wurden auch jetzt wieder von den beiden bewährten schwarzen Helfern Bippas und seiner Frau Muvi begleitet, sowie vom Fahrer Ronny für den zweiten Wagen, alle vom Stamm der Hereros. Erst kurz vor Sonnenuntergang gelangten wir zu unserem erwählten Lagerplatz, der diesmal nicht wie weiland auf der südöstlichen Ebene lag, sondern im Nordwesten der Hauptkette, direkt am Ausgang jener kurzen, engen Schlucht, welche als erste die Berge durchbricht. Es gibt dort ein Bohrloch, an das wir eine Dieselpumpe anschlossen, um uns mit Wasser zu versorgen. Mit dem Aufbau des Zeltlagers mußten wir uns beeilen, da die Dunkelheit hereinzubrechen drohte. Rasch schraubte Hartwig die starke Gaslampe zusammen, in deren hellen Licht wir dann unter einem großen Schäferbaum, den man auch Weißstamm – Boscia albitrunca – nennt, die Feldküche einrichteten. Mein igluartiges Khakizelt wurde im Schatten eines weit ausladenden Kameldornbaumes aufgestellt, an dessen Ästen eine Felddusche zu hängen kam: ein großer Benzinkanister mit Hahn samt Brausekopf. Zwei Planen und das Zelt gewährten Schutz vor Wind und Sicht. Fünfzig Schritte flußabwärts standen ein paar größere Bäume, unter welchen die Mannschaftszelte errichtet wurden, und Hartwig beschloß, die Nächte unter freiem Sternenhimmel im Feldbett am Feuer zuzubringen. Schnell etwas totes Holz aufgesammelt, und schon loderten die Flammen. Lang noch saßen wir am Feuer und blickten in die Glut. Ich war heimgekehrt. Heim in das Land meiner Sehsucht, das karge Land und das wilde, wo Gott so nah ist.

 

Tod zur Mittagsglut

Ich habe Rooi Kuiseb schon früher ausführlich beschrieben, will hier jedoch nochmals einen Überblick geben. Das Land wird von zwei leicht versetzen Hauptketten hoher Berge, welche von Nordost nach Südwest verlaufen, in zwei Großräume unterteilt. Im Südosten das flache Hügelland "Klein-Exmoor", dem dreiseitig weitläufige Ebenen vorgelagert sind, im Nordwesten ähnliche, doch steilere Vorhügel, welche sich einerseits zwischen die beiden versetzten Hauptketten einlagern, andererseits weit nordwärts bis zum Swakoptal reichen. Durch diese nordwestlichen Vorhügel zieht der Rooi Kuiseb mit zwei Armen: Sein Südarm bildet den eigentlichen Canyon, sein Südostarm zieht als breit ausladendes Flußtal hin zur "Campschlucht", um dort die Hauptkette zu durchbrechen. Das Hügelland östlich davon erstreckt sich bis zum Tal des Tsaobis. Ich taufte es einst die "Oryxberge". Das gesamte Gebiet umfaßt 19 000 Hektar und entspricht im Groben einem gleichseitigen Dreieck von 20km Schenkellänge.

Es ist dies eine Landschaft von atemberaubender Schönheit, wo sich von den Höhenzügen ein endloser Blick auf ferne Berge, weite Ebenen und verworrenes Hügelland bietet, meist spärlich bewachsen mit kniehohem, gelbem Gras, vereinzelten Büschen und knorrigen Bäumen. Licht und Schatten spielen mit pastellzarten Erdfarben in unbeschreiblicher Vielfalt. Selten nur findet man Wasserstellen, meist verborgen in tiefen Schluchten. Vor Jahrzehnten haben fünf Windpumpen etwas Wasser gefördert, heute funktioniert nur mehr eine einzige, jene am sogenannten Pavianposten, vier Meilen nördlich vom Camp. Es gibt keine Zäune, das Wild kann frei ziehen. Zahlreich anzutreffen sind Spießböcke, Bergzebras, Springböcke und Felsendassies, seltener Klippspringer und Steinböckchen, vereinzelt auch Strauße, Kudus, Giraffen, Leoparden, Schakale, beide Arten Hyänen, Mangusten und Honigdachse. Häufig begegnet man Webervögeln, Flughühnern, Trappen, Raubvögeln, Felsentauben und in Wassernähe auch Rosenköpfchen.

 

Die Nacht war heiß. Mit nacktem Oberkörper ruhte ich im Zelt, durch dessen große Insektengitter eine kühlende Brise strich. Schon hatte die Morgendämmerung eingesetzt, als wir unter dem Weißstamm ein herzhaftes Frühstück mit Speck und Spiegeleiern genossen. Dann fuhren wir eine Stunde nach Norden zum Swakoptal, ließen dort den Wagen zurück und folgten einem kleinen Flußlauf hinein in die Oryxberge. Ich führte wieder das persische Gewehr 98 mit dem Eisenvisier. Eben hatten wir nach einer Meile das Flußtal verlassen und einen Hügel erklommen, als uns ein starker Trupp Zebras den Weg versperrte. Sie ästen in der Morgensonne und machten keine Anstalten, weiterzuziehen. Also schlug ich vor, ins Tal zurückzukehren, um sie zu umschlagen; der Wind stand gut. Nach einer halben Meile wurde die Vegetation im Rivier etwas üppiger und zeigte so die Nähe von Wasser an. Zwei große Schwarzdornakazien standen in voller Blüte und erfüllten die Luft mit honigsüßem Duft. Acacia mellifera wird diese Art deshalb genannt. Überall kennt man sie jedoch wegen ihrer kurzen, krallenartig rückwärts gebogenen Dornen als wait-a-bit. Noch ehe wir um die nächste Talkrümmung bogen, hielt uns Bippas zurück: Oryx! Eine Herde von Kühen und Kälbern stand vor uns und starrte uns an, ehe sie den Hang zu unserer Rechten empor stürmten.

Die vorderste Kuh solle ich schießen, schnell, meint Hartwig. Doch das Korn tanzt unruhig über den Wildkörper, die Leitkuh zieht weiter, fällt zurück, überläßt einer anderen die Führung. Spießböcke haben die unglückliche - oder vom Standpunkt des Jägers glückliche - Angewohnheit, immer wieder während der Flucht stehenzubleiben und zurückzusichern. So auch die nun führende Kuh. Vor mir ist das Dreibein plaziert, mit dem ich seit eh und je auf Kriegsfuß stehe, doch obwohl ich schwanke, lasse ich fliegen. Das Stück zeichnet, und als es erneut zurücksichert, faßt der zweite Schuß ins Leben. Wir steigen hoch, brechen das Stück auf und ziehen es ins Tal. Während Bippas den Wagen holt, beschließen wir, dem Rivier weiter flußaufwärts zu folgen, um die vermutete Wasserstelle zu finden. Die Waffen lassen wir zurück.

Schon nach wenigen hundert Metern stießen wir auf ein wassergefülltes Loch, das vom Wild im Sand freigelegt worden war. Wir gingen weiter, stiegen ein paar Felsplatten hoch, folgten einer Biegung und sahen entfernt eine weitere Wasserstelle.

"Dort liegt doch ein Zebra", flüsterte Hartwig, und tatsächlich, neben dem Wasserloch lag scheinbar verendet ein Streifenpferd. Hartwig blickte durchs Glas. "Es atmet. Das gibt's doch nicht, schläft es? Nein, das hat einen Schuß durch den Kiefer!"

"Ich lauf schnell zurück und hol das Gewehr, sagte ich, während Hartwig sich in den Schatten der senkrechten, roten Felswand setzte, welche dort wohl hundert Meter aufragte. Es war zwischenzeitlich fast Mittag, und die Sonne brannte mit tödlicher Glut herab, tödlich, wie sie nur in der Wüste glühen kann. Ich nahm ein paar Schluck aus meiner Wasserflasche und begab mich auf den Weg. Nach zwanzig Minuten war ich zurück, und wir traten an das arme Stück, das in der prallen, erbarmungslosen Sonne lag, mit eingefallenen Flanken und weit geöffneten Lichtern, zu schwach selbst für den geringsten Versuch einer Bewegung. Kaum noch hoben und senkten sich die Rippen. Es war ein großes Fohlen, ein Jährling vielleicht. Ich machte dem schrecklichen Leiden mit einem Kopfschuß ein Ende. Nun entdeckten wir, daß das Fohlen keine Schußverletzung hatte, sondern daß es von einem starken Leoparden mit einem Nackenbiß niedergestreckt worden war. Die Nackensehnen waren durchtrennt, und das blutige Wundsekret hatte sich über Ganaschen und Kiefer ergossen und war dort zu einer harten Kruste vertrocknet. Weshalb der Leopard es nicht getötet und gefressen hatte, konnten wir nur mutmaßen. Möglicherweise hatte die Herde den Räuber verjagt, vielleicht war er selbst durch einen Hufschlag so schwer verletzt worden, daß er außer Gefecht gesetzt war.

"Selbst in Südwest soll man nie ohne Waffe hinausgehen, sagte ich zu Hartwig.

"Als wir loszogen, überlegte ich noch", antwortete er, ob wir sie mitnehmen sollten. Aber irgendwie kam mir das kleinlich vor. Wir hatten ja gerade herumgeschossen, was sollten wir da noch mit einer Waffe! Aber man lernt nie aus. Das war wieder eine Lektion!"

Im Camp wartete Muvi schon mit dem Essen, und die Felddusche verschaffte uns herrliche Kühlung. Was für ein Tag! Nicht der Oryx war die Krönung, sondern entsetzlichem Leiden ein Ende gesetzt zu haben. Abends fuhren wir nochmals zum toten Zebra, zogen es als bait zu einem Papierbaum und suchten einen potentiellen Ansitzplatz hoch in den Felsen.

"Ne inducas me in tentationem - du sollst mich nicht in Versuchung führen", sagte ich zu Hartwig, doch der Leopard sollte ohnehin nicht wiederkehren.

 

Spaziergänge

Am folgenden Tag unternahmen wir eine ausgedehnte Pirsch in den Hügeln zwischen den beiden Rooi-Kuiseb-Armen auf Höhe des Pavianpostens, stießen auf eine kleine Herde junger Springböcke, sahen in der Ferne Spießböcke ziehen, und immer wieder hörten wir den charakteristischen, froschartigen Ruf der Rüppeltrappe, Eupodotis, der Wohlbefußten, oder die helle, feine Stimme des Namaflughuhns. Mittags checkten wir das bait, wo wir an der Wasserstelle dutzende Oryxantilopen und Bergzebras antrafen. Hatten wir am Vorabend Herz, Leber, Nieren und Fettdarm vom Oryx verspeist, so labten wir uns nun mittags an einer ganz besonderen Delikatesse: gekochtem Euter mit Süßkartoffeln in einer schmackhaften, feincremigen Sauce. Was gibt es herrlicheres als den Genuß gekonnt zubereiteter kulinarischer Raritäten?

Siesta im Zelt. Es ist heiß, und selbst die kräftigen Windstöße, welche durch die großen Insektengitter wehen, glühen vor Hitze. Ja, es ist wirklich heiß, wundervoll heiß. Und ich bin glücklich. Denn nichts ist mir mehr zuwider als Kälte.

Erst abends um fünf - die Sonne sinkt zu dieser Jahreszeit um viertelacht - fuhren wir durch die Versetzung der Hauptberge zum Rooi Kuiseb und von dort auf die südlichen Ebenen, um nach Springböcken Ausschau zu halten. Weit im Westen sahen wir einen Sprung von sieben Stück fliehen. Wir fuhren zunächst das Land ab, um uns einen Überblick zu verschaffen. Doch nirgends entdeckten wir Wild. Ganz Klein-Exmoor und die großen Ebenen waren wie ausgestorben, wo vor drei Jahren die Zebras noch in starken Trupps zogen, und zahllos die Springböcke ästen. Schließlich kehrten wir in die Gegend zurück, wo wir zuvor das Rudel angetroffen hatten, und begannen zu pirschen. Zunächst erklommen wir eine kleine Felsformation und glasten die weiten, sanften Geländewellen unter uns ab. Drüben im Norden, auf eine halbe Meile entfernt stand nun der Sprung. Bei günstigem Wind und gedeckt von einem höheren Hügel arbeiteten wir uns näher. Jenseits des Hügels äste das Wild auf gute zweihundert Gänge am nächsten Gegenhang, über den es hinwegzog. Wir hinterher. Doch auf dem Kamm angelangt, sahen wir das Rudel noch weiter entfernt im nächsten Tal stehen. Zur Linken ragte ein Felsstock auf, zu dem wir hätten vordringen können, wäre die Dämmerung nicht schon hereingebrochen. Und mit der offenen Visierung ist natürlich viel früher Schluß als mit dem Glas. Also genossen wir noch eine Weile den Anblick und zogen uns dann zurück.

Wieder stieg Eos über die Berge. Sobald es heller wird, starten die Zikaden ihren Motor. Eine saß genau über meinem Zelt. Zunächst mußte sie ein paarmal den Anlasser betätigen, ehe die Maschine ansprang. Zzz... Zzzzz... Zzzzzzz. Einmal im Laufen stieg sie kräftig aufs Gas und erhöhte langsam die Drehzahl: 1000 Herz, 3000, 5000, 7000, 9000... es war ohrenbetäubend. Man muß sich dann einfach im Bett umdrehen und energisch weghören. Aber Muvi kam ohnehin schon mit einem Lavoir heißen Wassers und stellte es auf den Tisch vor dem Zelt. Im Gegensatz zur auf das Zähneputzen beschränkten Morgentoilette in der Eiseskälte der winterlichen Wüste genoß ich hier die angenehme Wärme und nahm mir Zeit für eine gründliche Lavation.

Nach dem Frühstück wiederholten wir unseren Spaziergang im Mittelgebirge beim Pavianposten. Nachmittags saßen wir ebendort an, ehe wir in einem langen Fußmarsch zum Camp zurückkehrten. Es war den ganzen Tag bedeckt gewesen, und dunkle Wolken standen im Osten. Bisweilen fuhren in der Ferne Blitze nieder, und tiefes Donnergrollen kündete von Regen. Doch es blieb bei ein paar Tropfen. Einmal bloß ging für wenige Minuten ein schwacher Schauer nieder.

Tags darauf blies Hartwig schon eine Stunde vor Sonnenaufgang zum Reveille. Wir wollten früh hinaus und nach Klein-Exmoor fahren, um die Ebenen abzuglasen. Doch überall nur Totenstille. Gegen acht begannen wir auf gut Glück durch die flachen Vorhügel im Westen von Klein-Exmoor zu pirschen, unweit jener Stelle, wo wir uns vor zwei Tagen an den kleinen Sprung angeschlichen hatten. Wir kamen an einer felsigen Höhle aus prähistorischer Zeit vorbei, in der wir einen alten Schleifstein vorfanden, und wanderten dann Hügel um Hügel dahin, immer gegen den Wind, bis wir zufällig auf den verblichenen Schädel eines außerordentlich starken Springbocks stießen. Ich hob ihn auf, nahm ihn mit, und noch während ich ihn nachdenklich betrachtete, lief ich fast auf Hartwig und Bippas auf, die plötzlich wie angewurzelt dastanden: in der flachen Mulde vor uns äste der Sprung jener Sieben: der alte Bock mit zwei Jungböcken und fünf Geißen. Vorsichtig zogen wir uns zurück und umschlugen den Hügel, um näher heranzukommen. Wieder sahen wir sie, doch waren sie inzwischen weitergezogen und immer noch zu weit entfernt. Nochmals eine Detour, größer als die erste. Als wir über die nächste Kuppe lugten, stand das Rudel in einer flach abfallenden, seichten Senke, doch auch diesmal verdammt weit weg. Das Wild hatte uns ebenfalls bemerkt und sicherte unschlüssig herauf. Wir mußten handeln. In Erwartung eines weiten Schusses hatte ich das Visier schon vor der Umschlagung um eine Raste höher gestellt, und das sollte sich nun bezahlt machen.

Hartwig postiert das Dreibein, und ich lege an. Zunächst steht der Bock spitz, sein Haupt imponiert bloß als weißer Punkt, den ich über dem Korn kaum zu erkennen vermag. Schließlich dreht er, doch schiebt sich eine Geiß dazwischen. Endlich aber steht er breit und frei, auch scheint er mir plötzlich größer, alle Konturen treten deutlich zutage. Das Korn ruht auf dem Blatt, oder zumindest ruht es mehr oder weniger. Jetzt steht es still. Der Finger beherrscht seine Aufgabe am 4kg schweren Abzug. Im Knall bricht der Bock zusammen.

"Bleib drauf", ruft Hartwig, während ich repetiere, "falls er nochmals hoch wird". Doch mit Hochblatt-durchtrenntem Rückgrad bleibt er liegen.

Es ist zehn Uhr. Die Sonne scheint nach zwei Tagen bewölkten Himmels wieder in voller Pracht, gerade rechtzeitig für ein paar Aufnahmen.

Meine Philosophie hatte sich wieder einmal bestätigt: um gut zu jagen, wirklich zu jagen, braucht es keiner high tech. Hätte mir aber Hartwig vorher gesagt, daß es ein Schuß jenseits der zweihundert Meter wäre, ich würde abgewinkt haben. Trotz allen Glücks: waidgerecht ist das mit der offenen Visierung nicht mehr. Gefreut hat es mich dennoch über alle Maßen.

 

Wir verbrachten den restlichen Tag mit einem Ausflug zu einem entlegenen, nur von Nachbarländereien zugänglichen Teil von Rooi Kuiseb, wo eine langgezogene, namenlose Schlucht mit abenteuerlichen Felsformationen und karger Vegetation die Berge durchbricht.

Abends wehte ein kühler, beinahe kalter Westwind von der See her, sodaß man ein Jackett überziehen mußte, und nachts verkroch ich mich tief im Schlafsack. Wie wechselhaft doch die Temperaturen hier in der Wüste sind! Mittags in der Sonne fünfundvierzig Grad, nachts im Wind vielleicht siebzehn. Wüste ist immer extrem. Bis heute habe ich keine Worte gefunden, um der surrealen Schönheit dieser Landschaft gerecht zu werden, ihrer Grandiosität, ihrer Erhabenheit, den endlosen Weiten, den Hügeln, Bergen, Schluchten und Felstürmen, dem Licht, den Farben, der platten, gleißenden Härte des Mittags, der tiefen, kraftvollen Röte des Abends, dem sanften Pastell des Morgens, der ganzen spröden Kargheit in all ihrer Vielfalt.

Zum Nachtmahl hatte es allerlei Köstliches vom Springbock gegeben: Als Amuse die Hoden, dann Herz, Leber und Nieren. Für den nächsten Tag bereitete Muvi mit großer Sorgfalt den Pansen vor, und es sollten dann auch in der Tat herrliche Kutteln in schmackhafter Sauce werden. Unsere Feldküche war im übrigen eine Sammelstätte für ganz besondere Gäste: unter den großen Kisten suchten zahlreiche Skorpione Unterschlupf. Aber von solchen Lappalien lasse ich mir noch lange nicht den Appetit verderben!

 

Botanicum mit 'Attacke'

Am Sonntag fuhren wir wieder zum Swakop und begannen von dort eine Pirsch über die Berge zum Zebra-bait. Die Hügel stiegen allmählich an, um an jener erwähnten Felswand senkrecht zur Quelle abzustürzen. Beim Aufstieg stießen wir auf einen Trupp Zebras, die sich langsam zum Wasser fortbewegten. Wir umschlugen sie und stiegen am Rande der Felswand hinab. Das bait lag immer noch unberührt an seinem Ort. Obwohl es morgens sehr kühl gewesen war, stiegen die Temperaturen nun rasch an, kaum eine Wolke stand am Himmel. Als wir das Rivier abwärts pirschten, trafen wir wieder mit den Zebras zusammen, welche eben flußaufwärts kamen. Sie sahen uns und stiegen den Südhang hoch. Eigentlich betrachtete ich mein Waidwerk als beendet, doch da der Landeigentümer Fleisch wollte, hatte er uns ein Zebra kostenlos zum Abschuß freigegeben. Hartwig bedeutete mir eine alte Stute, die ich beschoß, doch ich krellte sie nur. Als wir auf zehn Meter heran waren, wurde sie wieder hoch und trabte davon, ich schwang mit und gab ihr einen sauberen Fangschuß hinters Blatt. Abends setzten wir uns hoch in den Felsen über einer Wasserstelle am südlichen Eingang des Rooi Kuiseb an, unweit der Stelle, an welcher ich vor Jahren einen Leoparden erlegt hatte. Es war bezaubernd, hier droben zu sitzen und das Auge über die bizarren Felsformationen und die Berge im Hintergrund schweifen zu lassen, während das Licht immer weicher, die Schatten länger und länger wurden. Zum Wasser kamen allerdings bloß ein paar Felsentauben, und in den jenseitigen Felsen tummelten sich drei Klippdachse.

 

30. November, letzter Tag der Schußzeit im Jahr, Tag auch unserer Abreise. Als die Sonne über der Schlucht, an deren Ausgang das Camp stand, aufging, versprach dies ein heißer, wolkenloser Tag zu werden. Die stählerne Bläue des Himmels über den rotbraunen Felsen schien beinahe grotesk. Wir beschlossen, morgens noch eine Rundfahrt zu machen und uns dem Studium der Botanik zu widmen. Zunächst fuhren wir in die südlichen Ausläufer der Oryxberge. Dort ein imposantes Exemplar des Papierbaums Commiphora claucescens, da eine Boscia foetida, Stinkbusch genannt, ein Verwandter des Weißstamms Boscia albitrunca, unter dem ja unsere Feldküche stand. Hier ein üppiger Löwenbusch, Salvadora persica, dessen Zweige von alters her als Zahnbürste Verwendung finden, ebenso wie die Ästchen von Euclea pseudebenus, dem Falschen Ebenholzbaum. Überall üppiges Buschmanngras vom Genus Stipagrostis.

Anschließend begaben wir uns zum Zusammenfluß der Kuisebarme, und fuhren den Südarm in seiner gesamten Länge ab. Im Canyon wuchsen prächtige Kameldornbäume und Weißdornakazien, an denen unzählige Nester von Webervögeln baumelten. Eine Herde von vierzehn Gemsböcken floh die Hänge nach Osten hinauf. Dort, wo der Canyon seine engste Stelle hat und die Wände senkrecht zum Himmel steigen, zog ein Kaffernadler seine Kreise. Bald erweiterte sich das Tal erneut und war nach der guten Regenzeit in diesem Jahr auffallend grün. Hartwig zeigte mir den Trompetendorn Cataphractes alexandri, den Rotdorn Acacia reficiens oder das Blinkblatt Ziziphus mucronata. Am südlichen Ausgang des Canyons angekommen wandten wir uns der toten Windpumpe zu, die am Kreuzungspunkt zwischen Canyon und Versetzung steht. Dort ließen wir den Wagen zurück und pirschten eine kleine Seitenschlucht hoch, in der sich eine größere Wasserstelle befindet. Am Eingang überraschten wir einen besonders kapitalen Oryx.

"Ein Bulle?" frug ich Hartwig, da ich das Wild nicht so genau gesehen hatte.

"Nein, eine Kuh".

Aber wie schon gesagt, mein Waidwerk hatte längst seinen Abschluß gefunden. In der Tiefe des Tales schimmerte uns herrliches Grün aus den Pfützen entgegen, und am Felsrand lagen die vertrockneten Reste eines Zebrafohlens, eines alten Leopardenrisses. Auch frische Spuren des Gefleckten führten zum Wasser. Die Schlucht wurde nach hinten von einer kleinen Felsbarriere abgeschlossen, über die wir kletterten, und dann stiegen wir hinauf in das umgebende Hügelland. Weit droben stand eine stattliche Sterculia africana, reichlich mit Früchten beladen. Wieder mußte die Kamera aus der Hemdtasche. Im Inneren der Früchte sitzen die schwarzen Samen wie vollgesogene Zecken: tick-tree heißt deshalb der Baum.

Und da drüben eine herrliche, breit ausladende, übermannshohe Euphorbia virosa, jenes Wolfsmilchgewächs, dessen Milchsaft den Buschmännern als hochpotentes Pfeilgift dient. Klick, Klick, tönt der photographische Apparat. Und dort, hundert Meter weiter, aus Felsen erwachsend eine Moringa ovalifolia.

Wir schicken Bippas zum Wagen zurück und wollen eine letzte, große Runde drehen. Zunächst hinüber zur Moringa. Die Kamera ist auf den Baum gerichtet, von dem ähnlich wie vom Baobab die Sage geht, er wäre von Gott im Zorn ausgerissen und verkehrt herum eingepflanzt worden. Klick. In diesem Moment poltern unweit Steine, und ein Oryx bricht auf uns los, überrennt uns fast, sieht uns gerade noch und springt vorbei. Die Apparate klicken. Er hat wohl von Bippas talseitig Wind bekommen und ist zu uns herauf geflüchtet.

"Ein guter Bulle", meint Hartwig, "schieß ihn, schnell, freihändig".

Die Kamera in die Hemdtasche, den 98er von der Schulter, durchrepetieren, anlegen, fünfzig Meter, verdammt, das Blatt von einem Busch verdeckt. Der Bulle wendet und zieht den Hang weiter hinauf. Vor mir ein brusthoher Felsblock, ideal zum Auflegen, kurz gezielt, tiefblatt, Feuer! Hartwig photographiert unentwegt. Der Bulle zeichnet und stürmt mit tiefem Haupt bergauf. Wir hinterher. Oben, vierzig Meter vom Anschuß, liegt er verendet, ein reifer Recke mit abgewetzten Ringen an den starken Schläuchen. Die Sonne sticht, und kühl rinnt das Wasser aus meiner alten Feldflasche durch die Kehle, während mein Blick über den grauen Körper gleitet, den dunklen Aalstrich, die schwarzweiße Maske, hinüber zu den geröllbedeckten Bergen und sich im tiefen Blau des Himmels verliert. Der letzte Tag, die letzte Pirsch, im letzten Augenblick. Kann Jagd dramatischer sein?

Die Wüste hatte mir gegeben, was ich gesucht. Sie hatte meine Liebe erwidert, meine Sehnsucht gestillt und mein Verlangen. Dankbar kehrte ich zurück in die winterliche Pracht des dörflichen Advents.

Das Camp in der Ferne am Ausgang der Schlucht

Das Camp in der Ferne am Ausgang der Schlucht

Die Messe im Schatten einer Boscia albitrunca (Weißstamm)

Die Messe im Schatten einer Boscia albitrunca (Weißstamm)

Mein Zelt mit

Mein Zelt mit "Bad en suite" unter Acacia erioloba (Kameldorn)

"Sonnenenergie-Boiler"

Acacia mellifera (Schwarzdorn) in voller Blüte mit Webervögelnestern

Acacia mellifera (Schwarzdorn) in voller Blüte mit Webervögelnestern

Oryx gazella gazella (fem.)

Oryx gazella gazella (fem.)

"Dort liegt doch ein Zebra"

Vom Leoparden gerissen, im Hinterhaupt der Fangschuß

Vom Leoparden gerissen, im Hinterhaupt der Fangschuß

Gewitterstimmung über dem weiten Hügelland von Rooi Kuiseb

Gewitterstimmung über dem weiten Hügelland von Rooi Kuiseb

Gast in der Messe: Dünnschwanzskorpion

Gast in der Messe: Dünnschwanzskorpion

Das Bergland mit dem Südarm des Rooi Kuiseb

Das Bergland mit dem Südarm des Rooi Kuiseb

Blick in die Ferne

Blick in die Ferne

Springbockebene mit Onanisberg (spitz) und Hottentottenkirche (Doppelgipfel)

Springbockebene mit Onanisberg (spitz) und Hottentottenkirche (Doppelgipfel)

Zu weit!

Zu weit!

Antidorcas marsupialis mit geöffnetem Prunk

Antidorcas marsupialis mit geöffnetem Prunk

Abendstimmung am Wasserloch

Abendstimmung am Wasserloch

Zebras nahe der Leopardenschlucht

Zebras nahe der Leopardenschlucht

Commiphora glaucescens (blaugrüner Balsambaum)

Commiphora glaucescens (blaugrüner Balsambaum)

Eupodotis rueppellii (Wüstentrappe)

Eupodotis rueppellii (Wüstentrappe)

20

Spießböcke im Tal des Südarms des Rooi Kuiseb

Engpaß im Südarm

Engpaß im Südarm

Aquila verreauxii (Kaffernadler)

Aquila verreauxii (Kaffernadler)

Südarm: links Acacia karroo (Weißdorn), rechts Acacia erioloba (Kameldorn)

Südarm: links Acacia karroo (Weißdorn), rechts Acacia erioloba (Kameldorn)

Links Weißdorn, rechts Kameldorn mit 8x57IS

Links Weißdorn, rechts Kameldorn mit 8x57IS

Boscia albitrunca (Stinkbusch)

Boscia albitrunca (Stinkbusch)

Salvadora persica (Senfstrauch, Löwenbusch)

Salvadora persica (Senfstrauch, Löwenbusch)

30. November: letzter Jagdtag des Jahres

30. November: letzter Jagdtag des Jahres

Gute Wasserstelle

Gute Wasserstelle

Blick zurück auf die Quelle

Blick zurück auf die Quelle

Sterculia africana (Sternkastanie, tick-tree)

Sterculia africana (Sternkastanie, tick-tree)

... ihre sternförmigen Früchte ...

... ihre sternförmigen Früchte ...

... in deren Innerem die Samen wie Zecken sitzen

... in deren Innerem die Samen wie Zecken sitzen

Eine prächtige Euphorbia virosa (Wolfsmilch)

Eine prächtige Euphorbia virosa (Wolfsmilch)

... mit ihrer Stachelwehr ...

... mit ihrer Stachelwehr ...

... und dort drüben eine Moringa ovalifolia ...

... und dort drüben eine Moringa ovalifolia ...

... wir gehen hinüber ...

... wir gehen hinüber ...

... und richten die Kamera auf den Moringabaum ...

... und richten die Kamera auf den Moringabaum ...

... da stürmt ein Oryxbulle auf uns los, passiert uns auf wenige Meter ...

... da stürmt ein Oryxbulle auf uns los, passiert uns auf wenige Meter ...

... verhofft ...

... verhofft ...

... ich lasse fliegen ...

... ich lasse fliegen ...

... ein reifes Stück vor den Bergen der Namib als krönender Abschluß

... ein reifes Stück vor den Bergen der Namib als krönender Abschluß

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